Festpredigt
Wolkenhauer: Keine Angst vor Verwundbarkeit

- In seiner Predigt rief Karsten Wolkenhauer dazu auf, eine verwundbare Kirche zu sein. Es gehe nicht um Stärke, um Einfluss, um Macht oder um das Rechthaben, sagte er. Kirche müsse nah bei den Menschen sein und sie in ihren Lebensumständen begleiten.
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Der neue anhaltische Kirchenpräsident Karsten Wolkenhauer ist mit einem Festgottesdienst in Köthen in sein geistliches Leitungsamt eingeführt worden. In seiner Predigt rief der Theologe dazu auf, eine verwundbare Kirche zu sein. Es gehe nicht um Stärke, um Einfluss, um Macht oder um das Rechthaben, sagte er. Kirche müsse nah bei den Menschen sein und sie in ihren Lebensumständen begleiten. Hier lesen Sie die Predigt aus dem Festgottesdienst in voller Länge.
Von Karsten Wolkenhauer
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen!
Amen
„Gelobt sei Gott, der Vater allen Trostes, der uns tröstet, die wir in allerlei Bedrängnis sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott", schreibt Paulus an die Gemeinde in Korinth. Und ein paar Verse weiter: „Denn wir wollen euch nicht verschweigen die Bedrängnis, die uns widerfahren ist, da wir über die Massen beschwert waren und über unsere Kraft, sodass wir auch am Leben verzagten und dachten bei uns selbst, zum Tode verurteilt zu sein.“
Diese Worte aus dem 2. Korintherbrief gehören zum Textraum des Sonntags Lätare. Es sind die Worte eines Verwundeten. Bedrängt, beschwert, verzagt, den Tod erwartend. Aber zugleich haben diese Worte eine hoffnungsvolle Botschaft. Ich höre da auch Vertrauen. Vertrauen auf Gott, der die Toten auferweckt und ihn und uns erretten wird.
Paulus ist völlig überzeugt: Der Gott, der selbst gestorben ist und auferweckt wurde, der wird die Toten auferwecken, wird ihn erretten. Der Gott, der selbst als Mensch tödliche Verwundbarkeit erlebt hat, bietet ihm einen Ausweg.
Trost und Leid sind ja kein Kuhhandel, und mehr Leid bedeutet auf keinen Fall automatisch nicht mehr Trost. Nein. Trost liegt darin, dass Gott Mensch geworden ist, mit allen Konsequenzen. Und Gott geblieben ist, mit allen Konsequenzen. Beides ist gleichzeitog wahr und prägt diesen Sonntag ganz besonders. In dieser Realität leben wir als Christinnen und Christen. Mit den Worten der Vulnerabilitätsforschung heißt das:
Wir sind verwundbare Kinder eines verwundbaren Gottes in einer verwundbaren Welt.
Wir sind verwundbare Kinder eines verwundbaren Gottes, denn Gott selbst stirbt in seinem Sohn am Kreuz und macht sich verwundbar: Kommt als hilfsbedürftiges Kind zur Welt, stirbt einen qualvollen Tod. Und wird von Gott auferweckt, überwindet den Tod. Die Wunden Jesu aber bleiben. Thomas betastet und erforscht sie, bis heute segnet Christus vom Kreuz mit blutigen Wundmalen.
Wir sind verwundbare Kinder eines verwundbaren Gottes in einer verwundbaren Welt. Für Paulus ist das eine gute Nachricht.
Paulus lebt das in seiner Zeit vor, und viele mit ihm. Noch ist das Christentum eine verfolgte Minderheit und weit entfernt davon, Macht auszuüben und teils selbst vulnerant zu werden, selbst andere zu verletzen.
Noch ist das Christentum weit davon entfernt, dass ein christlicher Kaiser die Milvische Brücke überschreitet wie 312 Kaiser Konstantin. Und damit aus einer kleinen, verfolgten spirituellen Minderheit eine mächtige Staatskirche werden kann. Noch ist das Christentum weit entfernt davon, sich in allerlei Finessen immer wieder weltlicher Macht zu versichern. Weit entfernt davon, auch nur irgendwie staatsanalog zu sein. Weit davon entfernt, Rituale und Liturgien zu entwickeln, die das Gefühl der eignen Unverwundbarkeit stärken sollen.
In den Jahrhunderten seit dieser folgenreichen Brückenüberquerung wurde das drastisch anders. Mit teils fatalen Folgen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Nur ein sehr geringer Prozentsatz kirchlicher Würdenträger, die des Missbrauchs überführt wurden, hat ein ausgeprägtes Schuldbewusstsein. Schließlich sei man geweiht oder ordiniert und gewissermaßen unverwundbar – nachzulesen in einigen Gutachten. Das Heilige sei es, das es zu schützen gelte. So wird die Sorge um Vulnerabililät der Institution Kirche selbst zur systematischen, dämonischen Vulneranz.
Macht christlicher Glaube denn nun verwundbar oder unverwundbar? Ja doch wohl unverwundbar, oder etwa nicht? Wer braucht schon einen Glauben, der verwundbar ist und macht? Die Korinther jedenfalls nicht.
Sie, von denen einige sogar schon die Sprachen der Engel sprechen, möchten jemand ganz anderes: einen strahlenden Sieger in jeder Argumentation, einen modernen Glaubenshelden, einen, den man überall hinstellen kann mit großem Amtskreuz, allgegenwärtig und allezeit bereit, einen, dem alles gelingt, der alle vollmächtig und wundervoll überzeugt, einen modernen Mose mindestens.
Paulus, der beeindruckt sie nicht sehr. Zu schwach. Immer auf Reisen, selten da, oft im Gefängnis, und die Briefe, na ja. Paulus greift in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth immer und immer wieder auf ein Wort mit großer Weite zurück: parakaleo. Nirgendwo in der Bibel wird dieses Wort so häufig verwendet wie in unserem Text. Luther übersetzt das griechische Wort parakaleo konsequent mit Trost, trösten und getröstet werden.
Die neue Basisbibel zum Beispiel übersetzt parakaleo konsequent mit Mut und ermutigen, heraus kommt ein ganz anderer, und genauso berechtigter Wortsinn. Denn parakaleo heißt vieles: herbeirufen, um Hilfe rufen,
einladen, bitten, ermahnen, ermuntern, auffordern, beistehen, zusprechen, und, ja, eben auch: trösten.
Was Paulus mit parakaleo schreibt, klingt wie ein großer weiter Erfahrungsschatz aus der christlichen Alltagspraxis: der Gott aller Ermunterung, der uns ermuntert, damit wir ermuntern können. Der Gott aller Aufforderung, der uns auffordert, damit wir auffordern können.
Der Gott allen Beistandes, der uns beisteht, damit wir beistehen können. Der Gott allen Zuspruchs, der uns zuspricht, damit wir zusprechen können. Ein Kaleidoskop aus der Praxis der theologischen Wundversorgung für alle, die verwundet sind.
Liebe Schwestern und Brüder, ich habe immer wieder erleben dürfen, wie wundervoll und heilsam es ist, Teil dieser Gemeinschaft von verwundbaren Menschen zu sein. In Niederschönhausen, in Demmin, in Timmendorfer Strand, im Brunstorf, in Nikolassee – danke an all die Menschen, die aus diesen Gemeinden heute hier sind. Sie sind Teil meiner Erfahrung, dass Wunden zu Narben werden können und Narben heilen können.
Und ich erlebe es jetzt hier in den Gemeinden und Diensten, im Landeskirchenamt, in der Synode und in den Strukturen unserer Landeskirche: Es geht nicht um Stärke, um Einfluss, um Macht, um Rechthaben. Es geht darum, die Narben zu zeigen und Geschichten zu erzählen von der Verwundbarkeit. Solche Geschichten, liebe Gemeinde, kann jede und jeder Mensch erzählen, denn ein unverwundetes Menschsein, das gibt es nicht. Verwundete, das sind wir alle.
Liebe Festgemeinde, ich erlebe in diesen Tagen die liturgische Farbe des Sonntags Lätare als geradezu prophetisch. Für einen Moment nicht mehr Passion und Leiden, sondern österliche Freude. Allerdings noch nicht ganz, beides ist für einen Moment gleich wahr, zusammen ist beides vereint, das Lila der Passionszeit und österliches Weiß sind für einen kostbaren Moment zugleich wahr in der liturgischen Farbe Rosa. Eine gute, eine wichtige Farbe für unser Nachdenken über Gegenwart und Zukunft. In Anhalt und in unserem Land.
Die Zukunft des Christentums und der Kirche ist genau dies: Rosa, da bin ich ganz gewiss. Denn vieles wird gleichzeitig wahr und richtig sein müssen und dürfen. Wie das Lila und das Weiß es in der Farbe Rosa sind. Es ist richtig, nah bei den Menschen zu sein und sie zu begleiten, wie sie eben sind, die Menschen und die Umstände. Und es ist gleichzeitig richtig, sich nicht zufrieden zu geben mit der Welt, wie Menschen sie nun mal gemacht haben – mit der Politik, dem Zustand der Umwelt, der Ungerechtigkeit von Arm und Reich, mit Hate speech und alternativen Wahrheiten.
Es ist richtig, dass wir politisch nicht viel allein bewegen können, weil wir in größeren Zusammenhängen eingebunden sind – und in Washington, Moskau, Brüssel, Berlin Weichen gestellt werden. Es ist richtig, dass viele Menschen in unserem Bundesland das Gefühl haben, nicht gesehen, nicht gehört, in ihrer Lebensleistung nicht gewürdigt und fremdbestimmt zu werden. Es ist richtig, dass wir als Kirche rechnen müssen und dass die Ressourcen zu wenig sind und die Menschen erschöpft und das kirchliche Leben an manchen Ort ein Wettlauf gegen die Zeit und die Zahlen geworden ist.
Und zugleich ist wahr, dass Anfangen alles ist, immer wieder, dass jeder Schritt zählt, dass jedes Lächeln und jedes zurückgenommene böse Wort einen Unterschied macht. Es ist richtig, dass es auf jeden und jede von uns ankommt – und dass uns in jedem Menschen das Angesicht Gottes entgegensieht und uns sagt: Sieh, das bin ich. Und die. Und der. Und du.
Es ist gleichzeitig wahr: eine immer komplexere Welt entwickelt sich zu einer angsterfüllten Welt, die noch deutlicher vom Chaos geprägt ist. Das aber, liebe Gemeinde, das ist zugleich nicht nur Bedrohung für uns als Kirche. Es ist eigentlich ganz normal für Menschen, die mit Hoffnung aus biblischen Geschichten leben. Schließlich kommen alle biblischen Zeugnisse nicht aus ruhigen, friedlichen Eigenheimzeiten – sondern sind unterwegs entstanden, am Feuer erzählt, auf der Flucht, unter Druck, in der Verfolgung, das nahe Ende vor Augen. Und Hoffnungsgeschichten im Herzen.
Als Martin Luther King 1963 in Washington zu 250.000 Menschen spricht, zündet seine Rede nicht. Er hat schon alles gesagt, was er planvoll vorbereitet hat. Die Leute fangen an zu gehen. Es sind 250.000, und es werden an diesem heißen Tag immer weniger, die in der prallen Sonne stehen bleiben und zuhören. Mahalia Jackson, eine Soulsängerin, beugt sich zu ihm und sagt: Martin, erzähl ihnen von deinem Traum.
Diese Rede kennen Sie alle: I have a dream. Sie bewegt zutiefst Menschenherzen, bis heute. Ich bin so froh, dass Mahalia Jackson nicht gesagt hat: Martin, erzähl ihnen von deinen Plänen! Und er dann die „I have a plan-speech“ gehalten hätte, an die sich heute vermutlich niemand mehr erinnern würde. Nein, King erzählt von seinem Traum, und das war und ist der Traum, den alle dort mit ihm teilen. Teilen wollen. Dieser Traum schafft eine neue Wirklichkeit, beides ist gleichzeitig wahr.
2008 gründet eine junge Pastorin in Denver/Colorado eine besondere Projektgemeinde, das „Haus für alle Sünder und Heilige". Sie hat ein kaputtes Leben hinter sich, Alkohol, Drogen, und Gott hat sie gefunden.
Sie ist mittlerweile eine der progressivsten lutherischen Theologinnen und schreibt einen Bestseller nach
dem anderen. Offene, klare, im besten Sinn schamlose Worte. Ich bin ihr begegnet vor einigen Jahren, als sie in Deutschland predigte, Nadia Bolz-Weber, einer meiner Heiligen im Alltag.
Sie hat eine Antwort auf die Frage zur Zukunft der Kirche gefunden. Sie schreibt: „So verstehe ich eine christliche Gemeinschaft: Wir helfen einander, den Ankläger zum Schweigen zu bringen. Wir verbinden einander die Wunden, zeigen uns unsere Narben, erkennen unsere Unzulänglichkeiten und vergeben sie einander, wir weinen miteinander, bringen einander zum Lachen und halten eisern daran fest, dass Gnade für jeden da ist.“
Wir sind verwundbare Kinder eines verwundbaren Gottes in einer verwundbaren Welt, liebe Festgemeinde. Wer möchte nicht zu einer solchen Gemeinschaft gehören? Ich lebe und arbeite jedenfalls dafür mit und unter Ihnen in Anhalt und wo immer Gott mich hinruft. In diesem Sinne sehe ich deutlich rosa für uns und die Zukunft unserer Kirche.
Amen.
Autor:Online-Redaktion |
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