Geschichte von dem Gral
Leberecht Gottlieb (Teil 121)

- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
121. Kapitel, in welchem Leberecht Gottlieb sich bei der Maschine revanchiert und ihr die Geschichte vom Heiligen Gral zum Besten gibt.
Unser Held Leberecht Gottlieb war von der Geschichte des Maschinenhirns tief bewegt gewesen - und beschloss, sich zu revanchieren. Er setzte sich auf den Bürostuhl vor dem Tischchen mit der Eingabetastatur und hieb in die Tasten. Er schrieb: Danke, für diese schöne Geschichte von Gott und seiner Vergesslichkeit, die das Heil der Menschen bedeutet. Was hältst Du von meiner Geschichte? Sie heißt DER TRÖDLER und hier ist sie:
Der Trödler
Ja, - die Jacke wurde einmal verändert. Das ist aber schon lange her. Das war hier. In dem schönen Städtchen B. war es geschehen. Und - nun war ich an diesen Platz zurückgekehrt und hatte auch den Laden des alten Trödlers wieder gefunden. Dicht an der Scheibe des Antiqitätengeschäfts stand ich - und ließ meine Augen auf dem goldenen Gefäß dort im Schaufenster ruhen.
Seit etwa einer reichlichen Woche bin ich jeden Tag her geschlichen und so vernarrte ich mich endlich restlos in den Anblick des großen Bechers. Ja, - das mußte er ein. Was sonst?
Ich betrat mit bangem Herzen das kleine Geschäft - eine heisere Glocke läutete über meinem Haupt eine seltsame Litanei, die aus lauter kleinen aufeinander folgenden Terzen bestand.
Der Trödler höchstselbst trat hinter seinem Pult hervor und bedeutete mir mit tiefsinnigem Lächeln, wie er mich schon lange beobachtet habe, als ich mich von Tag zu Tag mehr in den Kelch vergaffte. Nun aber sei die Entscheidung wohl gefallen und ich wolle das Artefakt sicherlich erwerben?
Ich nickte. Da ging er hin, aber kam gleich wieder zurück – trug den Becher wie eine Monstranz vor sich her und stellte das Ding zwischen uns beide auf den hölzernen Ladentisch.
Ich erwartete nun den Beginn eines großen Feilschens , - er aber sagte mir mit knappen Worten, welche Bewandtnis es mit dem Gegenstand meiner Wahl habe. Dieses Gefäß sei nämlich durchaus nur an denjenigen abzugeben, der sich entschlösse, sein eigenes Blut aus genau diesem Becher trinken zu wollen. Solcher Trunk sei tatsächlich der einzige und zugleich fast unmögliche Preis. Und deshalb stünde das Ding nach wie vor ohne Eigentümer im Schaufenster seiner Trödelei, - sagte der alte Mann. Das Leben sei der Preis, aber (er hob seine Stimme und wurde dabei merklich leiser) dafür gäbe der Becher auch etwas; er schenke dem Trinker nämlich ewigliches Leben. Sofort und endgiltiglich. Er sagte wirklich „endgiltiglich“ mit dreimal ‚i‘.
Ich war nicht sonderlich erstaunt, denn einen astronomisch hohen Preis oder etwas Gleichwertiges hatte ich sowieso erwartet. Ich schaute den Trödler an, wie er da in seiner dunklen Trödelei stand und die flammenden Augen auf mich heftete, ich sah sein auch von tausend Falten durchfurchtes Gesicht. Er seinerseits schien meine Gedanken lesen zu können, denn er meinte: „Nein – auch ich selbst habe noch nicht vom Kelche Gebrauch gemacht. Obwohl mein Ende fraglos immer näher rückt, habe ich doch sehr großen Respekt davor, die etwa sieben Liter Blut, welche in mir kreisen, auf einmal auszutrinken – und zwar auf jene Weise, welche mich während des Trunks wahrscheinlich schon mehr oder weniger umbringen möchten.” Er lachte kurz ein seltsames meckerndes Lachen, verstummte jedoch abrupt.
Mir wurde schwindlig bei der Vorstellung, mein Blut in den großen Kelch rinnen zu sehen und noch während dieses Verrinnens dasselbe trinken zu müssen. Aber dann, wenn dieses Kunststück gelänge, des ewigen Lebens teilhaftig geworden zu sein, - was immer das auch bedeute, zugleich aber davon gar nichts Sonderliches zu bemerken. Denn wenn man lebt, dann lebt man – und merkt nichts vom Tode. Und wenn man tot ist kann man sich nicht mehr darüber beschweren, daß es kein ewiges Leben war, das man erlebte.
„Hat das Experiment denn schon irgendjemand anderes gewagt,” fragte ich mit belegter Stimme?
„Man weiß nichts Genaues,” meinte der Trödler – „mag sein. Mag aber auch nicht sein. Was weiß man schon auf dieser Welt?” Dann wieder dieses Lachen ... Eine sehr große Kraft ging jetzt von dem Pokal aus, den ich den Heiligen Gral zu nennen mich innerlich immer mehr insgeheim zu entschließen begann. Still, ganz feierlich, sehr viel verheißend und zugleich so unendlich leer stand er da und war geduldig und ganz offen für das, was nun kommen würde.
„Wo muß die Operation ausgeführt werden,” fragte ich. „Sie kann überall geschehen,” sagte der Trödler. „Sie dürfen ihn, wenn sie sich entschlossen haben, ihr Leben für das Ewige zu wagen, gleich mitnehmen.”
Ich erschrak, ließ mir aber nichts anmerken. Dann versicherte ich, morgen gleich in der allerfrühesten Frühe wolle ich hier in dem Trödelladen erscheinen und dann – jetzt sagte ich es: „Den Gral, den Heiligen Gral” (und nun war es heraus!) mit mir fortführen.
Der Trödler neigte zum Zeichen des Einverständnisses sein kahles Haupt und stellte das riesige Gefäß in das Schaufenster zurück. Ich dankte, wünschte einen guten Tag und zog mich zurück, hielt draußen auf der Straße eine Taxe an – und fuhr in mein Hotel zurück.
Sehr bald hatte ich alles Nötige zusammengebracht. Das scharfe Messerchen von Irene, den festen Gummischlauch und etliche Stärkungsmittelchen. Mullbinden und für alle Fälle mein Testament, welches ich schon vor Jahren, als ich mich auf die Suche begeben hatte, bei einem Notar abgefasst, dort hinterlegt und in Kopie mir hatte aushändigen lassen. In dem knapp gehaltenen Text war ohne viele Umschweife die Verteilung meiner zahlreichen Ländereien in der Provence genau geregelt, alle Weinberge und verschiedenen Chateaus, die ich teils ererbt, teils durch geschickte Spekulationen an mich hatte bringen können, ihren neuen Besitzern zugeeignet worden.
Ungefähr gegen Mitternacht empfahl ich meine Seele Gott und schlief wohl sogar ein wenig. Gegen 4.00 Uhr schrak ich aus schwersten Träumen empor – stand auf, wusch mir das Gesicht, griff nach der Tasche mit den für heute unentbehrlichen Utensilien und verließ das kleine Hotel auf leisen Sohlen, denn die Rechnung hatte ich pflichtschuldig bereits am vorigen Abend erledigt – mit einem reichlichen Trinkgeld obendrein.
Ich eilte nach draußen – weit und breit war kein Automobil zu entdecken, still schlief das Städtchen B. im Morgengrauen. Ich aber beschloss nun, zu Fuß zu gehen. Das Geschäft des Trödlers, die Trödelei, befand sich in der Siebensterngasse und war durch eine enge Pforte in der altehrwürdigen Mauer des Goldmachergässleins hinter der Urbankapelle zu erreichen. Nach etwa dreißig Minuten raschen Fußmarsches gelangte ich auch nach dorthin und sah schon erfreut den Turm des Urbankirchleins. Nun nur noch die Pforte in der Mauer des Gässleins – und dann stünde ich am Ziel meiner jahrelangen Suche. Aber wo war die Pforte? Ich suchte von hieraus und von jenseits der Gasse. Nichts!
Ich will nicht lange herumreden. Ich habe sie bis heute nicht wiedergefunden, diese Pforte. So nahe war ich damals dem größten Experiment, das Menschen jemals hätten wagen dürfen, – aber ich hatte meine Chance irgendwie vertan.
Ich blieb noch ein paar Tage und suchte. Ohne Erfolg. Keine Trödelei, kein Trödler, kein Gral. Ich beschloss in das Städtchen B. zu ziehen und tat es auch. Nahm mir eine kleine Wohnung in unmittelbarer Nähe zur Urbankapelle. Von den Einkünften meiner südfranzösischen Ländereien kann ich zwar nicht üppig, aber bescheiden und unauffällig leben.
Die Leute im Viertel halten mich für einen verschrobenen Privatgelehrten der hiesigen Universität. Was ja auch irgendwie stimmt, denn das Universum unterweist uns tagtäglich, und wir versuchen seit Menschengedenken ihm unsere Unterweisung vorzuschreiben. Manchmal gelingt das sogar …
Aber es hat sich doch etwas in meinem Leben geändert. Ich trage seit jenem verhängnisvollen Abend Tag und Nacht das kleine Messerchen von Irene und ein paar Mullbinden bei mir. Ganz unauffällig. In der Tasche, die ich einen fähigen Schneidermeister aus dem Goldmachergässlein in meine Jacke applizieren geheißen habe, führe ich diese Dinge immerdar bei mir.
Leberecht las noch einmal alles durch - dann drückte er die ENTER-Taste. Der Text verschwand in der Maschine. Und gleich darauf hatte der alte Emeritus die Antwort der Künstlichen Intelligenz schon auf dem Schirm. Diese Antwort lautete folgendermaßen:
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