CD-Neueinspielung: »Ars Choralis Coeln« interpretiert Hildegard von Bingens »Ordo virtutum«
Die Stimmen des Ensembles sind ein kleines Wunder
Von Johannes Killyen
Anders als die Heilige Hildegard sich das wohl vorgestellt hat, ist selbst der Teufel in dieser Fassung ihres Mysterienspiels »Ordo virtutum« eine Frau – was auch irgendwie gerecht ist angesichts der geballten Macht der Tugenden, die uns in weiblicher Gestalt begegnen. Selbstbewusst, mit himmlischem Gesang, hört man sie, sieht man sie förmlich erhaben auf- und abschreiten. Fidel [sic!] und Glockenspiel werden von einer Frau gespielt und setzen Kontrapunkte zur schrillen Doppelflöte der Teufelin. Die angefochtene Seele ist – eine Frau. Männer dürfen nur den Prolog mitgestalten.
Zum Auftakt des traditionellen Festivals für mittelalterliche Musik »Montalbâne« brachte kürzlich das Ensemble »Ars Choralis Coeln« in Schulpforta ein Meisterwerk der mittelalterlichen Musik- und Religionsgeschichte zur szenischen Aufführung: das Mysterienspiel »Ordo Virtutum«. Seit 14. September ist es auch als Doppel-CD im Handel erhältlich. Ein geistliches Theaterstück, das vermutlich von Nonnen für Nonnen aufgeführt wurde und den Streit zwischen Tugenden und Lastern, den edlen Kampf der Himmelskräfte um die verlorenen Seelen zum Inhalt hat, denen stets die Verführung durch den Teufel droht. Wenn man so will, eine frühe, weibliche, Faust-Variante.
Allein über die Schwierigkeiten, aus mittelalterlicher Notation einen singbaren Notentext zu gewinnen, könnte man Bücher schreiben, gleiches gilt für Fragen der Aufführungs-praxis. Man kann die Lesart von »Ars Choralis Coeln«, angeleitet von Maria Jonas, aber auch einfach so genießen. Die Stimmen des Ensembles sind ein kleines Wunder – jede individuell, alle im Gleichklang zu einer vollkommenen Einheit findend, selbst bei schwierigsten, kunstvollsten Melodielinien, wie sie typisch für Hildegard von Bingen sind.
Autor:Online-Redaktion |
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