DDR-Volkskammerwahl 1990
Erfüllte Hoffnungen – Enttäuschte Erwartungen

- Thomas Krüger spricht im Thüringer Landtag bei der Feierstunde anlässlich der ersten und letzten freien DDR-Volkskammerwahl am 18. März 1990.
- Foto: Copyright: Thüringer Landtag/Steve Bauerschmidt
- hochgeladen von Dr. Sebastian Kranich, Ev. Akademie Thüringen
Nein, es war kein Verhörer: In den 8-Uhr-Nachrichten meldete der Deutschlandfunk am 18. März: „Im Thüringer Landtag soll am Abend eine Feierstunde stattfinden, an der auch ehemalige Volkskammerabgeordnete teilnehmen werden.“ Und zwar gleich im Anschluss der Meldung der Würdigung der ersten frei gewählten DDR-Volkskammer durch Bundestagspräsidentin Bärbel Bas.
Offenbar war diese abendliche Feierstunde in Erfurt anlässlich der Volkskammerwahl 1990 eine Meldung wert, da sie die einzige in einem Landtag war. Gezielt hatten der Landesbeauftragte des Freistaats Thüringen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die Landeszentrale für politische Bildung Thüringen und die Evangelische Akademie Thüringen dieses Ereignis vor 35 Jahren zum Gegenstand des Gedenkens gemacht. Gerät doch die Arbeit jenes Parlaments oft in Vergessenheit angesichts der großen Erinnerungsdaten 9. Oktober 1989, 9. November 1989, 3. Oktober 1990.
Das sehr zu Unrecht, wie Landtagspräsident Dr. Thaddäus König in seiner Begrüßungsrede bemerkte. Denn die Arbeitsleistung dieses Parlaments war enorm. Nie habe er in seinem Leben so viel gearbeitet, erinnert sich etwa Dr. Eberhard Brecht (SPD), Volkskammer-, später Bundestagsabgeordneter und Oberbürgermeister von Quedlinburg.
Die Festrede hielt der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung Thomas Krüger. Selbst mit Anfang 30 nach dem Vikariat in Berlin und Eisenach in die Volkskammer gewählt, verband er persönliches Erleben, breitere historische Rückschau und gegenwärtige Herausforderungen für Demokratie und politische Bildung. Immer wieder schien dabei durch, welche Rolle Kirche und Theologie im Prozess der Friedlichen Revolution spielten. Systematische Theologen wie Wolfgang Ullmann und Richard Schröder motivierten ihre Schüler, politisch aktiv zu werden und waren selbst wichtige Köpfe in jenem Parlament. Neben vergleichsweise wenig ideologisch belasteten Naturwissenschaftler_innen, Ingenieur_innen, Mediziner_innen bildeten Theolog_innen mit 7,1% der Abgeordneten eine große Gruppe. Anfänger in einem solchen Parlament aber waren praktisch alle.
Krüger sprach von den Spannungen zwischen Bürgerrechtlern und „Blockflöten“, dem Verhältnis zu konservativen „DSU-Newcomern“ und auch darüber, wie die Kernparolen sich zuvor gewandelt hatten: Vom „Wir sind das Volk“ zum „Wir sind ein Volk“, wobei sich manche schon gefragt hätten, ob sie noch dazugehörten. Zugleich sei eine Pluralität in der DDR sichtbar geworden, die vorher verdeckt gewesen wäre. In der Demokratie gebe es Wahrheit eben nur im Plural. Das Ringen um Entscheidungen mache aber Demokratie aus. Nur Demagogen versprächen etwas anderes, so Krüger unter Beifall.
Begonnen hatte die Festveranstaltung mit einem Trailer. Im Anschluss an die Rede wurde er dann erstmals gezeigt: Der 15-minütige Film „Erfüllte Hoffnungen – Enttäuschte Erwartungen. Die Abgeordneten der 10. Volkskammer der DDR“ – eine Produktion der musealis GmbH im Auftrag der Evangelischen Akademie Thüringen.
In einem kurzen Podiumsgespräch wurde schließlich bekanntgegeben: Um „Erfüllte Hoffnungen – Enttäuschte Erwartungen“ damals und seither wird es im Juni und im August auch in insgesamt sechs Veranstaltungen von Landesbeauftragtem, Landeszentrale und Akademie in Thüringen gehen, bei denen aktive Landrät_innen mit Abgeordneten der 10. Volkskammer ins Gespräch kommen. Somit bildete diese Feierstunde keinen Schlusspunkt, sondern einen Auftakt für aktive Erinnerung an die erste 1990 freigewählte Volkskammer 2025 in Thüringen.
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