Weltgebetstag
Paradies mit Herausforderungen

- Die Cookinseln sind ein Archipel aus 15 kleinen Inseln mit rund 13 000 Einwohnern im Pazifischen Ozean. Drei davon sind unbewohnt. Die Hauptinsel heißt Rarotonga mit der Hauptstadt Avarua.
- Foto: Fotos (2): Katja Dorothea Buck
- hochgeladen von Beatrix Heinrichs
Die Cookinseln liegen am anderen Ende der Welt, sind sehr klein und gelten als Südseeparadies. Zwischen den Inseln und Deutschland gibt es nicht viele Parallelen. In einem Punkt ist man sich aber sehr ähnlich: Über häusliche Gewalt wird lieber geschwiegen.
Von Katja Dorothea Buck
Sie liegen am anderen Ende der Welt, sind sehr klein und gelten als Südseeparadies. Zwischen den Cookinseln und Deutschland gibt es nicht viele Parallelen. In einem Punkt ist man sich aber sehr ähnlich: über häusliche Gewalt wird lieber geschwiegen.
„Wunderbar geschaffen“. Was für ein großartiges Motto für einen Weltgebetstag, dessen Liturgie in diesem Jahr Frauen von den Cookinseln geschrieben haben! 15 kleine Inseln, verstreut zwischen Südamerika und Australien; lange weiße Strände von Kokospalmen gesäumt; fischreiche Korallenriffe, die zum Schnorcheln einladen; eine üppige Vegetation ohne giftige Schlangen und Insekten und auch ohne wilde Tiere, die dem Menschen irgendwie schaden können. Die Natur bietet alles, was der Mensch zum Leben braucht. Und über die Jahrhunderte hat man sich darauf auch verlassen.
Heute versorgen große Frachter die 13.000 Menschen auf den Inseln mit allem, was man meint, zum Leben zu brauchen: Sie bringen Autos, Handys und Computer, Toastbrot, Duschbad und Softdrinks. Der Lebensstil auf den Cookinseln – zumindest dort, wo der Tourismus hinkommt – ist längst am westlichen Kapitalismus ausgerichtet. Was zählt, ist eine gute Ausbildung und ein gut bezahlter Job. Das Leben ist teuer auf den Cookinseln. Für einen Laib Toastbrot zahlt man im Supermarkt umgerechnet vier Euro.
Dass Frauen erwerbstätig sind, ist selbstverständlich. Ohne ihr Einkommen würde es oft gar nicht gehen. Dass sie in alle Positionen kommen können wie Männer (mit Ausnahme in den Kirchen), ist ebenso selbstverständlich. Sie können in die Politik gehen, im Dienstleistungssektor Karriere machen oder ein Unternehmen aufbauen. Selbst Ariki können sie werden, also Stammesoberhaupt, wenn die Mitglieder des Stammes sie für charakterlich geeignet halten und sie wählen.
So wie Tinomana Tokerau. Sie ist eine der insgesamt 15 Ariki auf den Cookinseln und wurde 2013 gewählt. Damals war die pensionierte Grundschullehrerin 77 Jahre alt. Heute geht sie auf die 90 zu, berät aber nach wie vor all diejenigen, die ihren Rat suchen. Sie vertritt den Puaikura-Stamm – einen von vier auf der Hauptinsel Rarotonga – gegenüber Investoren, die zum Beispiel ein Hotel in ihrem Gebiet bauen wollen. Oder sie mahnt die Politiker, Lösungen für die große Mülldeponie zu finden, die sich in einem Tal in den Bergen oberhalb von Arorangi, dem Hauptdorf des Stammes, befindet. Weil die Versorgungsschiffe die Konsumgüter zwar bringen, deren Verpackung aber nicht zurück ans Festland nehmen, wurde diese Deponie für ganz Rarotonga angelegt. Der Müll verseucht mittlerweile Grundwasser und Böden ringsum. „Die Politiker verfolgen die Interessen einzelner. Wir Ariki haben das Gemeinwohl im Blick“, antwortet Tinomana Tokerau auf die Frage nach dem Unterschied zwischen Ariki und Politik.
Frauen auf den Cookinseln gelten als stark und selbstbewusst. Die Hierarchien zwischen den Geschlechtern sind nicht sonderlich ausgeprägt. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Doch es gibt ein Thema, über das so gut wie gar nicht gesprochen wird: häusliche Gewalt – ganz wie bei uns in Deutschland, wo jeden zweiten Tag eine Frau von ihrem (Ex-)Partner umgebracht wird, und wo trotzdem das Thema psychische und physische Gewalt gegen Frauen für Politik und Gesellschaft nur ein Randthema zu sein scheint. Dabei wissen alle, dass Frauen geschlagen, beleidigt, gedemütigt und missbraucht werden, und dass die Täter in der Regel der Partner, der Vater, ein männlicher Verwandter, ein Kollege oder der Vorgesetzte ist.
Je kleiner eine Gemeinschaft ist, desto weniger lässt sich das ignorieren. Die 13.000 Menschen auf den Cookinseln leben in sehr kleinen Gemeinschaften. Auf den sogenannten „Outer Islands“ wohnen oft nur ein paar hundert Menschen, manchmal sogar weniger. Alle kennen sich irgendwie, sind miteinander verwandt, oder man gehört zur gleichen Kirche.
Die größte Stadt der Cookinseln ist Avarua, die Hauptstadt. Doch Avarua ist mehr Dorf als Stadt. 5000 Menschen leben dort. Jeder kennt jede. Das hat etwas Beschauliches. Doch genau das kann problematisch werden, wenn es den Schutz der Anonymität eigentlich bräuchte, weil die Situation zu Hause unerträglich geworden ist. Ein Frauenhaus, in das sich Frauen zurückziehen könnten, gibt es nicht.
Va’ine Wichman fasst die Frauenfrage in zwei Sätzen zusammen. „Überall auf der Welt wollen Frauen zwei Dinge: sicher und glücklich sein. Doch nirgends sind sie es wirklich.“ Die Präsidentin des Nationalen Frauenrats der Cookinseln (CINCW) arbeitet seit Jahrzehnten an Frauenthemen. Gut zwanzig Organisationen sind im CINCW vertreten, darunter kirchliche Frauengruppen, Frauensolidaritätsgruppen, Berufsvereinigungen, sowie Vereine, die sich für Frauen- und Familiengesundheit einsetzen. „Wir machen Lobbyarbeit bei der Regierung und bringen Themen wie häusliche Gewalt in die Öffentlichkeit“, sagt Va’ine und kommt gleich auf die einzige Studie zu sprechen, die es zu dem Thema gibt. Sie stammt aus dem Jahr 2014.
Darin heißt es, dass „Gewalt gegen Frauen und Kinder in unserer Gesellschaft tief verwurzelt ist“. 33 Prozent aller Frauen im Alter von 15 bis 64 Jahren hatten schon einmal körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch einen Intimpartner erfahren. Und ein Drittel gab an, vom Partner geohrfeigt, mit etwas beworfen, gestoßen oder geschubst worden zu sein. Gut zehn Prozent der Befragten war zum Geschlechtsverkehr gezwungen worden. Es bräuchte dringend eine Neuauflage der Studie, findet Va’ine. „Ich möchte endlich wissen, ob sich in den letzten zehn Jahren irgendetwas verbessert hat.“
Zahlen und Statistiken sind das Eine. Das andere ist das große Schweigen über all die Gewalt. 2014 gab ein knappes Drittel der betroffenen Frauen an, nie von der erlebten Gewalt erzählt zu haben. Und zwei Drittel hatten nie Hilfe bei offiziellen Diensten oder Behörden, wie Polizei und Gesundheitszentren in Anspruch genommen.
„Es ist hier üblich, dass immer das Opfer die Schande zu tragen hat. Und viele Frauen glauben das auch noch“, sagt Rebecca Hosking. Seit Jahrzehnten arbeitet die Polizistin an dem Thema. Das große Schweigen bei häuslicher Gewalt mache sie manchmal fast verrückt. Denn geht eine misshandelte Frau endlich zur Polizei, wird es schwer, Zeugen zu finden, die bereit sind, auszusagen. Schlimm sei es, wenn Kinder alles gesehen haben, sagt Rebecca. Sie blieben oft traumatisiert zurück.
Rebecca sitzt hinter ihrem Schreibtisch in ihrer blauen Uniform in der Polizeistation in Avarua. Die Dienstmütze liegt vor ihr auf dem Tisch. Immer wieder schüttelt sie beim Reden den Kopf, als könne sie selbst kaum glauben, wie das alles zusammenpasst. „Die Frauen auf den Cookinseln gelten als selbstbewusst und nehmen in der Regel kein Blatt vor den Mund. Beim Thema häusliche Gewalt aber schweigen sie.“ Zum Glück gebe es seit einigen Jahren auf den Cookinseln eine sogenannte No-Drop-Policy. Hat eine Frau einmal Anzeige erstattet, kann sie sie nicht mehr zurückziehen. Der Fall muss dann vor Gericht gebracht werden.
Immer am ersten Dienstag im Monat treffen sich die Polizistinnen und Polizistin auf der Wache und gehen die aktuellen Fälle durch. „Es ist ein schlechtes Zeichen, wenn dann keine Fälle von häuslicher Gewalt berichtet werden“, sagt Rebecca. „Das heißt nämlich, dass Frauen im Stillen leiden und nicht genug Vertrauen in uns haben.“ Deswegen redet Rebecca öffentlich über häusliche Gewalt, im Fernsehen, in der Zeitung, wo immer es geht. „Ich sage dann: Habt keine Angst, steht auf und redet!“ Sie selbst bekommt oft zu hören, dass sie respektlos sei, weil sie die Dinge anspreche, wie sie sind. „Wir sind unsere eigenen Feinde“, sagt sie und schüttelt wieder den Kopf.
Doch welche Möglichkeiten hat eine Frau auf den Cookinseln, aus einer gewaltsamen Beziehung herauszukommen? Ein Frauenhaus gibt es nicht, dafür aber seit 2011 das Krisenzentrum für Frauen, Puanan Tauturu, an das sich betroffene Frauen wenden können. Das sucht dann – wenn es nicht anders geht – eine vorläufige Unterkunft. Das kann in einem Hostel oder in einem Konferenzzentrum sein, bei Freunden oder Familienangehörigen. Wirklich geheim bleibt das aber nicht. Deswegen ist es auch eher selten, dass eine Frau für eine Weile von zu Hause auszieht.
Trotzdem hat das Frauenkrisenzentrum sehr viel Arbeit. Fünf bis zehn Fälle häuslicher Gewalt würden sie pro Woche bearbeiten, sagt Rebeka Buchanan, die langjährige Leiterin des Zentrums. Manchen Frauen könne man schon nach wenigen Tagen helfen, andere begleite man über Wochen oder gar Monate. „Wir können den Frauen die Lösung ihrer Probleme nicht vorgeben. Die müssen sie selbst finden. Wir stärken sie aber, damit sie die für sie richtigen, nächsten Schritte gehen können“, sagt Rebeka.
Wichtig sei, dass die Frauen sich ihrer Würde bewusstwerden, und dass sie ihre Rechte kennen. „Und wir zeigen ihnen auf, wie viel Lebenszeit sie schon in dieser Gewaltbeziehung verloren haben, was es für ihre Gesundheit und die Erziehung der Kinder bedeutet, wenn sie an der Situation nichts ändern.“ Das Krisenzentrum arbeitet mit Psychologen, Gesundheitsfachkräften und der Polizei zusammen.
Oft werde das Gewaltthema von Generation zu Generation weitergegeben, sagt Rebeka. Nach wie vor gebe es sowohl bei Männern als auch bei Frauen die Überzeugung, dass Männer das Sagen haben. „Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so erscheint, patriarchale Strukturen gibt es durchaus in der Kultur und der Tradition der Cookinseln“, sagt Rebeka.
Um dies zu ändern, sucht sie Verbündete. Die Politik und die Polizei hätten mittlerweile verstanden, dass häusliche Gewalt ein großes gesellschaftliches Thema sei. Bei den Kirchen gebe es dagegen noch viel Aufholbedarf. Mehr Unterstützung erhofft sie sich auch von den Ariki, den Stammesoberhäuptern. „Sie haben sehr viel Einfluss auf die Menschen, nutzen ihn aber noch nicht richtig.“
Und was bleibt noch? Vielleicht der Weltgebetstag. Die Frauen, welche die Liturgie geschrieben haben, reden selbst zwar nicht gerne über das Thema. „Ihr sollt aber wissen, dass wir genau deswegen eure Gebete brauchen“, sagt eine Frau zum Abschied, bevor es wieder zurück nach Deutschland geht.
Die Autorin ist Religionswissenschaftlerin und Politologin in Tübingen.


Autor:Online-Redaktion |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.