Tagebucharchiv
Jeder Mensch hat etwas zu sagen

- Ein Tagebuch in einer Vitrine im Deutschen Tagebucharchiv (DAT) in Emmendingen
- Foto: epd-bild/Winfried Rothermel
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Sie sind ein Originalton ihrer Zeit: Tagebücher, Erinnerungen, Briefe. Im Tagebucharchiv in Emmendingen werden Zehntausende von Dokumenten gesammelt.
Von Mirjam Rüscher
Das Besondere: Es sind nur Dokumente von Personen, die nicht berühmt sind. „Wir ergänzen die offizielle Geschichtsschreibung“, sagt die stellvertretende Vorsitzende der Einrichtung, Theresia Wunderlich. „Geschichte von unten“ nennt sie das. Die Dokumente seien ein Originalton der Zeit ihrer Entstehung.
Vor 25 Jahren wurde das Archiv gegründet. Gesammelt werden sogenannte Ego-Dokumente. Tagebücher, Erinnerungen, Briefe und Korrespondenzen. „Wir sammeln nur und ausschließlich Dokumente von Personen, die nicht bekannt sind“, betont Wunderlich.
„Interessant ist, dass diese privaten Aufzeichnungen zunehmend von Interesse im wissenschaftlichen Bereich sind“, erklärt Wunderlich. Man könne aus ihnen lesen, was Menschen gedacht haben – über den Versailler Vertrag, den Mauerfall, wie die Männer 1914 begeistert in den Krieg gezogen sind.
Im Archiv wird die ganze Bandbreite dessen abgebildet, was Tagebuch bedeutet. Es sind Kinder- und Elterntagebücher, sie handeln von Arbeit, von Krieg und Konflikten, von Reisen und den schönen Seiten des Lebens. „Wir zeichnen ein Bild der gesellschaftlichen Vielfalt. Alle Altersklassen, Geschlechter und sozialen Milieus sind vertreten. Es ist ein Schatz, der zeigt, wie viele Gedanken Menschen sich gemacht haben, um ihren Lebensalltag zu bestreiten.“
Ein Teil der Aufzeichnungen und Dokumente wurden von Menschen, die noch leben, selbst beigesteuert. „Eine 95-Jährige hat uns ihre 21 Tagebücher vorbeigebracht, weil sie nicht möchte, dass sie nach ihrem Tod geschreddert werden. Eine Frau hat uns ihr Tagebuch vorbeigebracht, in dem sie dokumentiert hat, wie sie ihren Freund während Corona gepflegt hat. Sie musste es abgeben, um mit dieser Lebensphase abschließen zu können“, so Wunderlich. Ein Großteil der Dokumente stamme aber von Verstorbenen und wurde durch Angehörige abgegeben. Damit das Archiv die Tagebücher annimmt, muss die Rechtefrage geklärt sein.
100 Ehrenamtliche sind bundesweit in dem Verein tätig, der das Archiv und das angeschlossene Museum trägt. Sie lesen die Dokumente, übersetzen oder transkribieren und erschließen sie nach einem Schlagwortkatalog. Forscher können diesen dann für ihre Arbeit in der Datenbank durchsuchen.
Lieblingsdokumente hat Theresia Wunderlich nicht. Aber immer wieder gibt es welche, die sie besonders beeindrucken. Im Moment beschäftigt sie der Bericht eines Mannes, der 1825 in Berlin geboren wurde und zwischen 1845 und 1895 Tagebuch geführt hat. „Er beschreibt die Unruhen in Berlin 1848 hautnah und berichtet außerdem, wie schwierig die Situation damals im Privatleben war“, sagt sie. Es sei einfach immer wieder beeindruckend, was man über Menschen erfahre, und wunderbar, dass ihre Gedanken so erhalten bleiben.
Autor:Online-Redaktion |
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