Martin Steiger wird 85
Johanniskirche Oldisleben + Thomanerchor Leipzig

Johanniskirche Oldisleben | Foto: Ghostwriter123, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=51097136
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  • Johanniskirche Oldisleben
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Der thüringische Pfarrer im Ruhestand Martin Steiger vollendet in diesen Tagen in Weimar sein 85. Lebensjahr. Seine beruflichen Wirkungsorte waren Blankenhain bei Weimar, Oldisleben und Weimar-Schöndorf. Er ist seit 8. November 2022 als ehrenamtlicher Autor für diese Internetseite meine-kirchenzeitung.de tätig und hat bislang 185 Beiträge veröffentlicht.

Martin Steiger war von 1983 bis 1994 Pfarrer der Kirche zu Oldisleben. Anlässlich seines Jubiläums-Geburtstags ist dieser Beitrag dem Jubilar gewidmet.

Die evangelische St.-Johannis-Kirche zu Oldisleben steht an herausgehobener Stelle in Oldisleben, einem Ortsteil von An der Schmücke, nahe der Thüringer Pforte im Kyffhäuserkreis in Thüringen. Sie gehört zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM).

Geschichte und Ausstattung
Die 1506 erbaute Kirche von Oldisleben musste wegen Baufälligkeit abgerissen werden. Am 25. Juli 1910 begannen Maurermeister Karl Haase und seine Leute den Neubau der Kirche – die Grundmauern der alten Kirche wurden vom neuen Fundament umschlossen.

Am 25. August 1910 war Grundsteinlegung mit dem Geheimen Kirchenrat Wuttich aus Allstedt, Pfarrer Strümpfel aus Sachsenburg und Einwohnern von Oldisleben.

Der Initiator des Neubaus der Kirche, Pfarrer Stößner, starb am 4. Juli 1910 im Alter von 48 Jahren. Die Kirche wurde nach Plänen des Architekten M. B. Schlag aus Frankenhausen gebaut, der sie im Jugendstil gestaltete.

Die Oberaufsicht hatte Regierungsbaumeister Lindig aus Weimar, mit Aufsicht und Leitung war Architekt und Baurat Fahro aus Halle betraut. Am 3. Dezember 1911 (1. Advent) erfolgte die Weihe der neuen Kirche.

Der Flügelaltar aus der Vorgängerkirche ist das Werk eines unbekannten Meisters aus der Spätgotik um 1500. Die drei großen Fenster im Altarraum – Weihnachtsfenster, Kreuzigungsfenster und Himmelfahrtsfenster – wurden privat gestiftet und am 22. September 1911 eingesetzt.

Glocken
Während der beiden Weltkriege wurden drei bronzene Kirchenglocken für Rüstungszwecke als sogenannte Metallspende des deutschen Volkes eingeschmolzen.

Die älteste von 1513 blieb davon verschont. Der Guss dieser Glocke in der Johanniskirche wurde nach der Weihe der alten Kirche im Jahr 1506 in Erfurt in Auftrag gegeben. Glockengießer war Heinrich Ciegler – seine Gießerzeichen waren H.C., h. c. oder eine Sichel. 1513 war das Werk vollendet.

Auf dem Relief der Glocke ist Maria in einem langen, faltigen Gewand. Sie trägt eine Krone und steht auf einer Mondsichel, umgeben von den Strahlen der Sonne. Auf dem Arm trägt sie ihr Kind.

Als die als Ersatz angeschafften drei Eisenstahlgussglocken ihre Lebensdauer überschritten hatten, mussten sie ersetzt werden. Die erste neue Bronze-Glocke wurde am 28. Oktober 2011 und die beiden weiteren am 19. Oktober 2012 in der Glockengießerei Bachert in Karlsruhe gegossen und am 1. Advent 2011 bzw. 2012 in Oldisleben begrüßt. Der Neuguss der drei Glocken erfolgte in der Amtszeit des Pfarrers Reinhardt Süpke.

Frühere Kirche in Oldisleben
Eine Vorgängerkirche St. Nicolai aus dem Jahre 972 stand vermutlich bis 1715 im Unterdorf in der Backhausgasse. Sie gehörte wahrscheinlich zu einem Kloster.

Gotteshaus mit „U-Boot-Kanzel“
Spötter bezeichnen die Stein-Kanzel der Kirche Oldisleben als „U-Boot-Kanzel“ – aufgrund ihrer eindrucksvoll massiven Gestalt und herausgehobener Stellung mittig auf halber Höhe im Chorraum (sie ist beidseitig über geometrische, gleichermaßen massive Treppen erreichbar). Leider sind keine Fotos vom Innern der Kirche frei verfügbar.

Pfarrer Martin Steiger
Von 1983 bis 1994 war Martin Steiger Pfarrer dieser Kirche. Er plante und verwirklichte 1988 die umfassende und stilgerechte Sanierung der Kirche innen. Dabei hatte er den Künstler, Architektur-Restaurator und Glocken-Gestalter Horst Jährling (1922–2013) aus Weimar als erfahrenen Berater an seiner Seite.

Als Höhepunkt gelang es Pfarrer Steiger, am 13. Oktober 1989 den Thomanerchor mit Thomaskantor Hans-Joachim Rotzsch zu einem Konzert in die Kirche zu holen. Mehr dazu im folgenden Abschnitt.

Thomanerchor-Konzert 1989 in der Kirche Oldisleben
Das musikalisch wohl herausragendste Ereignis in der Geschichte der Kirche zu Oldisleben ist das Konzert des Thomanerchors Leipzig im Jahr 1989 gewesen. Doch wie kam es dazu?

Es hat eine Weile gedauert, bis die Idee in ihm gereift war. Doch dann war es soweit, und er war fest entschlossen. Und so schreibt Martin Steiger am 21. Januar 1988 nach Leipzig an den Thomaskantor Hans-Joachim Rotzsch (1929–2013) – und bittet ihn um ein Konzert des Thomanerchors in seiner Dorfkirche:

„Im Jahr 1989 begeht unsere Gemeinde die 900-Jahr-Feier des ehemaligen Benediktiner-Klosters St. Veit Oldisleben. Aus diesem Anlaß soll unsere St.-Johannis-Kirche renoviert werden und danach ihre Wiedereinweihung mit einer Festwoche erfolgen. Wir haben nun den vermessenen Gedanken, Sie und den Thomanerchor zu einem Konzert einzuladen.
Es müsste ein Termin Ende September oder Oktober 1989 sein. Wir würden die Festwoche so legen, dass er hineinfällt. Die weiteren Dinge wären zu klären, wenn Sie uns prinzipiell eine Zusage gegeben haben. Sicher haben Sie viele Anfragen dieser Art und kirchliche und gesellschaftlich Verpflichtungen. Wir wären auch über einen späteren Termin sehr erfreut. 
Oldisleben liegt an der Thüringer Pforte in der Nähe von Bad Frankenhausen, nicht weit vom Kyffhäuser, knapp zwei Fahrstunden von Leipzig entfernt. (…) Wir haben eine Jugendstilkirche mit 500 Sitzplätzen und einer guten Akustik. Wir, meine Frau und ich, haben beide in Leipzig studiert und sind alte Verehrer des Chores und Ihrer Person. Also, es würde uns und die Gemeinde ganz enorm freuen, wenn Sie mit Ihrem Chor nach Oldisleben kämen!“

Was mag dem Thomaskantor Hans-Joachim Rotzsch wohl durch den Kopf gegangen sein, als er diese Zeilen liest? Er scheint jedenfalls beeindruckt und angetan zu sein von diesen herzlichen Zeilen, denn er schickt einen Antwortbrief nach Oldisleben – mit der Konzert-Zusage! Und er löst diese Zusage im Oktober 1989 ein.

Was an jenem 13. Oktober 1989 – einem Freitag – in und um die Kirche Oldisleben los gewesen ist, verdient eine eigene Beschreibung, für die hier heute der Platz fehlt. Kurz gesagt: Die Kirche war proppenvoll bis unter das Dach, es war ein großartiges, herausragendes Konzert-Erlebnis, und der kleine Ort war mit diesem Ereignis tagelang Gesprächsthema über die Region aus. Der Autor dieser Zeilen weiß, wovon er spricht – er war als einer der zahlreichen Konzertbesucher dabei.

Wenige Tage danach, am 26. Oktober 1989, schreibt der deutlich vom Thomanerchor-Konzert beeindruckte Pfarrer Martin Steiger dem Thomaskantor:

„Noch einmal möchte ich Ihnen schreiben und meinen DANK sagen. Sie haben uns allen, meiner Gemeinde, den vielen Gästen, meiner Familie und mir ein großes Geschenk bereitet! Es war ein wunderschönes Konzert und in allen Stücken ein tiefes Erlebnis. Ja, es war eine gesungene Predigt, die uns sehr glücklich gemacht hat und noch lange in uns nachklingen wird. Besonders beeindruckte uns die Frische Ihres Dirigats, die Disziplin des Chores und die Intensität des Singens Ihrer Jungens und jungen Männer mit der Mühelosigkeit, Klarheit und Schönheit ihrer Stimmen! Unvergessen! Wie oft bin ich voller Dankbarkeit darauf angesprochen worden!
Darüber hinaus freue ich mich, Ihnen mitteilen zu können, dass unser Konzert auch unter kaufmännischen Gesichtspunkten ein Erfolg war, so dass wir die Beteiligung an den Bussen getrost erwarten können. Die Ausgangskollekte betrug durch die Mithilfe Ihrer Jungens 2.231 DDR-Mark.“

*****
Persönliche Anmerkung:
Mein lieber Martin,
die herzlichsten Glückwünsche zu Deinem Geburtstag, alles Liebe und Gute – und vor allem Gottes Segen!
Dein Holger

*****

St.-Johannis-Kirche zu Oldisleben:
Koordinaten: 51° 18′ 27″ N, 11° 10′ 4,5″ O

https://de.wikipedia.org/wiki/St.-Johannis-Kirche_(Oldisleben)
(dort auch Verzeichnis der Autoren; Textnutzung entsprechend Creative Commons CC BY-SA 4.0)

Informationen zur Kirche Oldisleben auch in der 45seitigen Chronik von Oldisleben von 1989: http://oldisleben.net/pdf/oldisleber_chronik.pdf

Links zu Martin Steiger:
https://www.meine-kirchenzeitung.de/weimar/profile-5528/martin-steiger
https://www.meine-kirchenzeitung.de/weimar/c-feuilleton/ihre-exmatrikulation-war-unrechtmaessig_a53921
https://www.meine-kirchenzeitung.de/weimar/c-kirche-vor-ort/oldisleben-d-21011988_a52971
https://www.meine-kirchenzeitung.de/weimar/c-kirche-vor-ort/thomanerchor-leipzig_a53022

Johanniskirche Oldisleben | Foto: Ghostwriter123, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=51097136
Rückansicht | Foto: Wikswat, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35901448
Logo Thomanerchor | Foto: www.thomanerchor.de/svg, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37145987
Thomanerchor Leipzig - Beispielfoto (hier im Jahr 2022 in der  Lutherkirche Wiesbaden)  | Foto: Gerda Arendt, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=120228615
Autor:

Holger Zürch

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