Adam und Eva
Ein Sündenfall, der keiner war

Versuchung als Kupferstich: Albrecht Dürers "Sündenfall" von 1504 zeigt Adam und Eva in einer Gebirgslandschaft mit vielen Tieren. | Foto: epd-bild/Thomas Rohnke
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Worin besteht sie denn nun, die seit Jahrtausenden hartnäckig behauptete Schuld des ersten Menschenpaars? Im Ungehorsam gegenüber Gott, sagen Kirchenväter und Prediger. Im Vertrauensbruch. In der Anmaßung, Gott gleich sein zu wollen.

Von Christian Feldmann

Aber haben Adam und Eva überhaupt gewusst, was sie taten? Kann man sie wirklich Sünder nennen, noch dazu die schlimmsten der Weltgeschichte?

Das Wort „Sünde“ kommt interessanterweise in der ganzen biblischen Erzählung kein einziges Mal vor. Erklärt sie vielleicht nur die ambivalenten Daseinsbedingungen des Menschen, die Tragik und Widersprüchlichkeit seines Lebens? Beantwortet sie auf desillusionierende, aber nicht besonders moralisierende und schon gar nicht gnadenlos verurteilende Weise lediglich die Frage, warum die Erde kein Paradies (mehr) ist?

Richtig: Gott hat damals seine Engel mit dem Flammenschwert am Eingang zum Garten Eden postiert, um den Menschen an der Rückkehr zu hindern. Nicht als Strafe, eher als Signal: Euer Platz ist nicht mehr hier, ihr seid erwachsen geworden. Enttäuschungen und Niederlagen gehören zum Leben wie Verrat und Gemeinheit. Und der Tod, dem keiner entkommt. Das ist der Fluch, den Gott den Menschen bei der Vertreibung aus dem Paradies mitgibt. Aber sie haben auch eine Menge gewonnen: Lust an der Erkenntnis, Selbstbestimmung, Individualität, ein Stück Freiheit. Deshalb fällt Gott kein vernichtendes Urteil und spricht nicht von Sünde, sondern stellt einfach wertfrei fest: „Seht, der Mensch ist geworden wie wir, er erkennt Gut und Böse.“ Und damit muss – oder darf – der Mensch jetzt leben.

Bestraft hat ihn Gott nicht für den Genuss der verbotenen Frucht, sinnieren die jüdischen Talmudgelehrten, das gehörte zur Entwicklung der Menschheit, sondern für sein feiges Herumgerede – Adam: Eva hat mir zu essen gegeben; Eva: die Schlange hat mich verführt – und so für die Weigerung, Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen.

Die nachbiblische jüdische Literatur ist ohnehin bestrebt, die beiden zu entlasten. Sie verlieren zwar die Unsterblichkeit, hören aber in der Höhle, in der sie jetzt hausen müssen, den Engelsgesang aus dem Garten Eden und erringen irgendwann einmal Gottes ausdrückliche Vergebung. Als Adam stirbt, verspricht Gott ihm die Auferstehung und versiegelt eigenhändig das Grab des ersten Menschen, den er geschaffen – und immer geliebt hat. „Friedrich Schiller hat den Sündenfall als den glücklichsten Moment der Weltgeschichte verstanden. Adam und Eva finden die Freude des Lernens, das Glück des Schönen und die Erkenntnis. Ohne Eva säßen wir alle noch immer in träumender Unschuld unter den Bäumen“, meinte die feministische Theologin Dorothee Sölle.


„Friedrich Schiller hat den Sündenfall als den glücklichsten Moment der Weltgeschichte verstanden. Ohne Eva säßen wir alle noch immer in träumender Unschuld unter den Bäumen“

Die Ostkirche übernimmt solche Vorstellungen; sie kennt auch keine Erbsünde, genau so wenig wie das Judentum. Auf ihren Osterikonen zerbricht der auferstandene Christus die Tore der Unterwelt und führt Adam und Eva mit starker Hand in das Licht des neuen Lebens; hinter ihnen drängen all die anderen Toten aus dem Hades heraus. Auch der Koran, der statt der Schlange Satan persönlich als Versucher vorführt und Adam genau dieselbe Verantwortung zuschreibt wie seiner Frau, erzählt von einem durch und durch barmherzigen Gott, der den Menschen einen neuen Anfang ermöglicht.

Nur das Menschenbild der westlichen Christenheit scheint seit dem allerersten „Sündenfall“ unheilbar depressiv eingefärbt. „Durch einen einzigen Menschen“, so schrieb Paulus an die Christen in Rom, „kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod.“ Wobei man ihm zu Gute halten muss, dass all seine traurigen Betrachtungen auf die Kraft der Erlösung hinauslaufen: In Adam sterben zwar alle, aber in Christus werden alle lebendig gemacht, erklärt Paulus in seinem Brief an die Korinther.

Gegenbewegungen gab es auch im Abendland, in Theologie und Kunst: Auf einem Deckengemälde der aus dem 12. Jahrhundert stammenden Klosterkirche St. Michael in Hildesheim erscheinen Adam und Eva als souveräne Herrschergestalten im Paradies, die lässig mit den verbotenen Früchten spielen. Sogar zu Heiligen sind sie avanciert und zu Schutzpatronen der Schneiderzunft. Sind sie doch die ersten Menschen gewesen, die Kleidung getragen haben – sogar welche, die Gott selbst ihnen gemacht hatte.

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