Angemerkt
Glauben mit allen Sinnen

Das 1. Buch Mose in der Lutherbibel | Foto: G+H

Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde", heißt es im ersten Schöpfungsbericht (1. Mose 1). Eine genauere Beschreibung bleibt uns der Bibeltext jedoch schuldig.

Von Anke von Legat

Von Armen, Beinen, Kopf und Rumpf ist ebenso wenig die Rede wie von Augen und Ohren, Nase, Mund und Haut. Die Schöpfung bleibt abstrakt; der Blick des Autors richtet sich vor allem auf die Ordnung der Welt.
Anders der zweite, ältere Schöpfungsbericht (1. Mose 2). Hier geht es bei der Erschaffung des Menschen sehr viel sinnlicher zu: Gott formt dessen Körper aus Lehm, bläst ihm den Lebenshauch in die Nase und setzt ihn nackt in den Garten Eden, voller Bäume, „verlockend­ anzusehen und gut zu essen“.

So wird der Mensch zu einem Wesen, das seine Sinne benutzt, um die Welt um ihn herum zu erforschen – und um Gott darin zu erkennen. Alle Sinne sind einbezogen, wenn es um die Beziehung zwischen Mensch und Gott geht. „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist“, heißt es etwa in Psalm 34, und auch in Psalm 23 geht es um Geruch, Geschmack und Gefühl: „Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.“ In der ganzheitlichen sinnlichen Wahrnehmung wird deutlich, wie Gott ist – nämlich einer, auf den man trauen kann.
Selbst erotische Anspielungen haben ihren Platz bei der Beschreibung des Verhältnisses von Gott und seinem Volk: Mehrere Propheten vergleichen diese Beziehung mit einem Liebesverhältnis; Hosea spricht davon, wie Gott das reuige Israel in die Wüste locken will, um dort „freundlich mit ihr zu reden“ (Hosea 2, Vers 16) – eine ziemlich unverblümte Umschreibung einer sexuellen Verführung und damit­ wiederum ein Bild für Gottes ganzheitlichen Anspruch auf sein Volk.


"So wird der Mensch zu einem Wesen, das seine Sinne benutzt, um die Welt um ihn herum zu erforschen – und um Gott darin zu erkennen"

Das Alte Testament versteht also den Menschen ganz sinnlich-leiblich. Im Christentum jedoch sah man diese leibfreundliche Haltung skeptisch. Über Jahrhunderte hinweg schmähten Theologen den Körper – vor allem den weiblichen – als unrein und rückten jede Form des sinnlichen Genusses in die Nähe der Sünde.

Dabei kennt auch das Neue Testament in der jüdischen Tradition die Achtung des Leiblichen; nicht umsonst heilt Jesus von Blindheit und Taubheit, feiert mit seinen Jüngern bei Braten und Wein und betont die sinnlichen Aspekte der Beziehung zu seinen Jüngerinnen und Jüngern in der Einsetzung des Abendmahls. Und schließlich wird seine Auferstehung als leibliches Geschehen verstanden – eine Hoffnung, die alle Menschen in all ihrer Sinnlichkeit einschließt.

Autor:

Online-Redaktion

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